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Ritt zu den Zaaten, den letzten Rentiernomaden der Mongolei
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Ruedi PeterJuli 200410 Min. LesezeitEmpfohlen

Ritt zu den Zaaten, den letzten Rentiernomaden der Mongolei

Seit 1996 organisiere ich Gruppenreisen in die Mongolei und von der ersten Reise an haben mich die mongolischen Steppenpferde begeistert. Eine Pioniertour durch Steppe und Taiga in der Naehe der russischen Grenze.

Ein Reisebericht von Ruedi Peter

Vorwort

Seit 1996 organisiere ich Gruppenreisen in die Mongolei und von der ersten Reise an haben mich die mongolischen Steppenpferde begeistert. Leider waren die Ritte immer nur auf wenige Tage und Stunden beschränkt, so dass ich schon lange den Wunsch hegte, einmal eine richtige Reittour zu machen. Ein ebenso wichtiges Ziel war schon lange eine Reise zu den Rentiernomaden, den Zaaten, ganz im Norden, mit dem Geländebus nicht erreichbar. Was lag da näher, als die beiden Wünsche unter einen Hut zu bringen. Während nun in diesem Jahr meine Tochter Elisabeth eine grössere Gruppe durch den Hangai in die Gobi führte, unternahm ich mit einer Reiterin und zwei Reitern eine Pioniertour durch Steppe und Taiga in der Nähe der russischen Grenze. Unsere Erlebnisse sind im nachfolgenden Tagebuch aufgezeichnet.

Sonntag, 11. Juli

Um 03.45 Uhr beginnen wir unsere „Sammeltour", die uns über Willisau, Sursee, Dagmersellen nach Kloten führt. Alle 12 Teilnehmer sind pünktlich und das Einchecken als Gruppe ist schnell erledigt. In Berlin braucht es schon mehr Geduld und Nerven. Nach stundenlangem Warten erklären die Mongolen, dass die Namensänderung von Heidi nicht bekannt sei, aber irgendwie wird dann doch für 75 Euro ein neues Ticket ausgestellt. Der Flug nach Ulaanbaatar mit Miat verläuft sehr gut und wir sind nicht allzu müde, wie wir am Morgen des 12. Juli von Gozo in Empfang genommen werden.

Montag, 12. Juli

Nach der kurzen Fahrt ins Hotel trennen sich die Wege der Reiter und Elisabeths Gruppe. Nach einer Ruhepause besuchen wir noch das Kaufhaus, das natürlich wieder weit mehr Artikel führt als im Vorjahr.

Dienstag, 13. Juli

In der Nacht bringt mir Gozo schlechte Nachrichten. Temudschin, den ich vor einem Jahr als Guide engagiert habe, wird von seinem Arbeitgeber nicht freigestellt. Also wird Zolo, unser Koch, der zum Glück gut Deutsch spricht, zum Guide ernannt und Zörgo, der Bruder von Gaajid, wird Hilfskoch. Am Nachmittag fliegen wir nach Murun. Auf dem Polizeiposten lösen wir eine Sonderbewilligung für das Grenzgebiet. Nachdem auch Zolo und Temudschin eingetroffen sind, fahren wir im Geländebus noch eine Stunde nach Norden, wo wir zum ersten Mal zelten. Gozo hat uns mit neuen Zelten ausgerüstet, was wir sehr zu schätzen wissen.

Mittwoch, 14. Juli

Der Tag beginnt sonnig und warm. Wir fahren durch eine schöne Steppenlandschaft mit vielen Herden. Ab Mittag sind die Hügel bewaldet und am Horizont sehen wir die ersten Schneeberge. Gegen Abend sind wir dann bei den Nomaden, die uns die Pferde zur Verfügung stellen und uns begleiten. Wir schauen zu, wie Pferde eingefangen und auch noch eingeritten werden. Keiner von uns sagt viel dazu, aber jeder denkt sich das seine, bevor wir uns ins Zelt verziehen.

Donnerstag, 15. Juli

Beim Frühstück macht sich eine leichte Nervosität bemerkbar unter den vier westlichen Reitern. Um 10 Uhr wird gesattelt und gepackt. Es ist sehr heiss und die Pferde laufen wie verrückt. Nach drei Stunden machen wir Mittagsrast an einem Fluss und genehmigen uns wieder ein Bad. Trotz Erfrischung sind es noch vier harte Stunden am Nachmittag in brütender Hitze. Wir reiten über eine riesige Ebene mit Hügeln und Bergen am Horizont. Ich bin richtig geschafft und die Müdigkeit ist grösser als mein Appetit. Der Tag wird mit einem Schluck Wodka und Gesang beendet, wobei der Schnaps kräftiger ist als der Gesang.

Freitag, 16. Juli

Wir reiten nach Zaagan Nuur, ein perfektes „Westernstädchen" direkt am gleichnamigen See. Es ist wieder sehr heiss. Im Laden gibt es zum Glück Mineralwasser und Bier. Nachdem Gregors Satelliten-Telefon den Geist aufgegeben hat, bevor wir es auch nur einmal benutzt haben, ist das Telegrafenamt nun das wichtigste Gebäude im Ort. Wir machen einen verwegenen und absolut filmreifen Ritt durch die morastige Hauptstrasse – wir fühlen uns mindestens wie „Billy the Kid" und seine Bande nach einem Bankraub. Gegen Abend regnet es dann ein wenig, was uns gar nicht ungelegen kommt.

Samstag, 17. Juli

Der Morgen fängt mit kräftigem Regen und der Suche nach zwei ausgerissenen Pferden an. Bis wir wegkommen ist es ca. 11 Uhr. Durch Wald und Schlamm, steil bergauf bis auf 2600 Meter tragen uns die Pferde. Wir können nur die Trittsicherheit dieser einmaligen Pferde bewundern, wie sie den besten Aufstieg über Wurzeln, Baumstämme, sumpfige Löcher und Felsen suchen und auch finden. Nach einem Abstieg zu Fuss schlagen wir das Lager zum ersten Mal in der Taiga auf. Die steinige Ebene ist noch zum Teil mit Schnee bedeckt. Am späteren Abend erhalten wir noch Besuch von zwei Zaaten, die auf dem Heimweg sind – also können wir sie morgen auch besuchen.

Sonntag, 18. Juli

Mit Spannung steigen wir am Morgen in den Sattel, denn heute stehen die Zaaten mit ihren Rentieren auf dem Programm. Bereits nach kurzer Zeit erblicken wir fünf Zelte am Horizont. In der Nähe steht eine kleine Herde Rentiere, darunter auch solche mit kapitalen Geweihen. Wir werden freundlich empfangen und zum Tee ins Zelt eingeladen. Wir sind zwar freundlich empfangen worden, aber die Stimmung gefällt uns nicht. Offensichtlich gibt es bereits zu viele Besucher im Sommer. Unser Dolmetscher drängt zum Aufbruch und so reiten wir nach kaum einer halben Stunde weiter. Irgendwann stellen wir fest, dass der heutige Sonntag ein ganz besonderer Tag ist: Zörgo ist krank, Zolo fliegt in hohem Bogen in einen Bach, Daniel und Gregor steigen kurz unfreiwillig ab, wobei Gregor von seinem Pferd einen Tritt in den Bauch bekommt, mein Pferd brennt durch, und zum Schluss reisst auch noch meine Sattelgurte. Am Abend am Lagerfeuer lassen wir den Tag Revue passieren: Aus der Erlebnisreise hätte eine Abenteuerreise werden können, wenn Gregors Pferd etwas besser getroffen hätte.

Montag, 19. Juli

Unser Ritt geht zurück zum Ausgangspunkt der Tour und wir reiten stundenlang durch eine unglaubliche Ebene, die uns mit ihrem hohen gelben Gras an eine Prärie erinnert, auf der nur Büffel und Indianer fehlen. Ab und zu legen wir einen Galopp ein, was ganz nach Gregors Geschmack ist. Ich bin der Meinung, dass diese vier Stunden Ritt am Vormittag zum Schönsten gehören, was man hier erleben kann. Bei einem Nomaden am Fluss trinken wir Tee. Das Brot ist aus Sauerteig und sehr luftig, der Rahm von einmaliger Qualität. Heidi serviert mir einen Geburtstagskuchen mit Kerze ins Zelt – es ist einfach nicht möglich, sich vor dem eigenen Geburtstag zu verstecken.

Dienstag, 20. Juli

Eigentlich wäre es unser Ruhetag, aber um 11.30 Uhr reiten wir zu der Familie unseres jüngeren Pferdemannes. Gleich bei Ankunft beginnt es zu regnen und wir verziehen uns gerne ins Blockhaus der jungen Familie. Das Wetter eignet sich nun auch hervorragend für ein Käsefondue, das ich nicht im Freien zubereiten muss. Da es nicht aufhört zu regnen, müssen wir mittels Spezialtechnik immer zu viert unsere Zelte aufstellen. Mit einer mongolischen Suppe auf das Fondue überstehen wir dann 15 Stunden Dauerregen.

Mittwoch, 21. Juli

Auch der längste Dauerregen findet ein Ende und die grosse Trocknerei beginnt. Plötzlich verkündet Zolo, dass wir erst am Nachmittag reiten, weil unser Nomade noch eine Ziege schlachten will. Tuvtsching, unser jüngerer Begleiter, versteht das Handwerk ausgezeichnet und sauber und ordentlich wird die Ziege in ihre Bestandteile zerlegt. Endlich um sechs Uhr abends reiten wir mit neuen Pferden weiter. Am Fluss Schinschig, der sehr breit und auch zwei Meter tief ist, finden wir tatsächlich eine Fähre aus zusammengebundenen Holzstämmen mit einem echten „Fährimann", der am Drahtseil zieht. Und hier sollen 13 Pferde auf das Floss gebracht werden? Aber wieder einmal bleibt uns nur das Staunen.

Donnerstag, 22. Juli

Total geschwächt von der Ziegengeschichte lege ich mich wieder hin und beschliesse, eine längere Zeit nichts mehr zu essen. Direkt aus Russland kommt eine Flasche köstliches Mineralwasser und bringt mich tatsächlich wieder auf die Beine. Wir reiten durch sumpfiges Gelände, das mit vereinzelten Lärchengruppen durchsetzt ist. Ich vergleiche diese wunderschöne Landschaft mit dem Engadin vor 1000 Jahren. Aber da lässt Zörgo sein Pferd laufen und die wilde Jagd dauert wieder einmal dreiviertel Stunden. Es ist wie immer der erfahrene Tuvtsching, der das Pferd einfängt.

Freitag, 23. Juli

Die Aussprache mit Zolo war gut und das Frühstück bereits um 8 Uhr bereit. Wir sind schon um 9.45 Uhr bereit zum Aufbruch. Der Ritt geht durch eine herrliche Parklandschaft, und auf einer Edelweisswiese machen wir Halt. Ein etwas ungutes Gefühl treibt mich um Mitternacht aus dem Zelt – ein Hund umkreist mich im fahlen Mondlicht und wartet auf eine späte Mahlzeit.

Samstag, 24. Juli

Der Morgen ist noch trüb, aber wie wir um 11 Uhr reiten, kommt die Sonne. Wir sind jetzt ganz im Gebirge, das uns vom Huvskulsee trennt. Mein Pferd stapft wie eine Lokomotive den steilen Berg hinauf. Nach zwei Stunden erreichen wir die Passhöhe mit einem Ovo auf 2800 Meter. Wir bewundern und fotografieren die imposante Bergwelt.

Sonntag, 25. Juli

Um 03 Uhr glüht das Feuer immer noch und die Milchstrasse, wie auch der ganze Sternenhimmel, sind einmalig. Ich friere und verfluche meinen viel zu dünnen Schlafsack. Wir brechen um 10.30 Uhr auf und reiten weiter im Flussbett. Ein Packpferd bringt es wieder einmal fertig, die ganze Ladung am Boden auszubreiten – unter Gelächter wird neu beladen. Kaum haben wir am Abend unsere Zelte aufgeschlagen, bricht ein gewaltiges Gewitter los.

Montag, 26. Juli

Obwohl es mit einem Gewitter begonnen hat, regnet es dann 14 Stunden Non-Stop. In Regenkleidern stehen wir im Freien und kauen feuchtes Brot und der Regen tropft in den Kaffee. Punkt 11 Uhr sind wir startklar, aber nun hat sich mein Pferd ohne Zaumzeug selbständig gemacht. Und wieder ist es Tuvsching, der das Tier überlistet. Der Ritt geht durch eine herrliche Parklandschaft. Für alle Strapazen werden wir entschädigt, als wir aus der Höhe einen wunderschönen Ausblick auf den Huvskulsee geniessen. Wir machen den steilen Abstieg zu Fuss in unser Camp Hangarid, wo uns Temudschin bereits erwartet. Der Schlussabend am Feuer verläuft sehr gut, wenn auch fast ein wenig Bedauern aufkommt, dass das Abenteuer nun zu Ende ist. Die Pferdemänner überbieten unseren Halbliter Wodka mit einem ganzen Liter und so findet ein unvergesslicher Ritt auch einen würdigen Abschluss.

Dienstag, 27. Juli

Es ist eine unruhige Nacht. Pferde galoppieren zwischen den Zelten durch. Nach einem kurzen aber herzlichen Abschied brausen die Pferdemänner mit 10 frei laufenden Pferden davon – sie wollen das Gebirge in einem Tag durchqueren. Die Stimmung ist ein bisschen melancholisch, denn uns fehlen die mongolischen Begleiter und die Pferde. Am Abend besuchen wir noch eine Folklorevorführung und Temudschin fackelt seinen Holzstoss ab. Die internationale Gemeinschaft übt sich abwechslungsweise im Absingen von Liedern.

Mittwoch, 28. Juli

Der Transfer zum Steppenflughafen Hatgall wird noch einmal zur absoluten Nervenprobe. Der Bus ist zum Bersten voll mit Passagieren und Gepäck, aber er springt nicht an. Irgendwie kommen wir dann doch noch rechtzeitig an und amüsieren uns köstlich über das Flughafengebäude, ein Holzhüttchen von 3x4 Metern mit drei Türen. Zum Glück gibt es keine Waage und somit auch kein Übergepäck. Nachdem der Pilot neben dem Flugzeug noch andächtig „Pferde geschaut" hat, starten wir endgültig Richtung Süden.

Schlussgedanken

Es war eine Pioniertour unter dem Motto, „der Weg ist das Ziel". Ich darf aber feststellen, dass trotz Improvisation, Fehlen eines erfahrenen Guide und starker Regenfälle, die Tour vollumfänglich abgewickelt werden konnte. Zu verdanken haben wir dies sicher unserer sehr guten mongolischen Begleitmannschaft, den einzigartigen Pferden und natürlich auch den flexiblen und toleranten Teilnehmern. So gilt denn mein grosser Dank gleichermassen allen Begleitern, Mensch und Pferd, denn ihnen verdanke ich meine beste Erlebnisreise seit ich die Mongolei bereise.

Ruedi Peter, August 2004

Impressionen

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